Zwei Wochen ohne Handy - Dänemark-Sommerfreizeit der Villa Lampe
Zwei Wochen ohne Handy
Warum ein Nachbarland für Eichsfelder Jugendliche viel bedeutet und wie Selbstvertrauen ohne Smartphone gelingt
Silvana Tismer
Eichsfeld Das persönliche Handy, die sozialen Medien und eine technisierte Welt spielen für junge Leute eine große Rolle. Dass es aber auch anders gehen kann, das zeigt eine jährliche Reise vom Eichsfeld in den Norden. In Dänemark gibt es eine ganz besondere Anlage, die von der Villa Lampe angesteuert wird.
Kurz hinter der deutschen Grenze in der Nähe von Esbjerg gibt es ein Gelände mit Gebäuden in der Nähe des Nordseestrandes, die den dortigen Pfadfindern gehören. „Zu ihnen haben wir seit vielen vielen Jahren, eigentlich seit Jahrzehnten, einen guten Kontakt“, erzählt Pater Franz-Ulrich Otto. „Inzwischen bestehen dorthin viele emotionale Bindungen und langjährige Freundschaften.“
Handys verboten: Freizeit in Dänemark ohne digitale Ablenkung
Die Sommerfreizeit nach Dänemark ist nicht nur ein Urlaub für Kinder und Jugendliche in den Ferien, sondern auch ein Urlaub von den täglichen Einflüssen, von Handy, Multimedia, Sozialen Netzwerken und Druck. „Die Handys bleiben zu Hause“, betont Pater Otto. Sehr oft gebe es erst einmal Diskussionen. „Aber wir bleiben hart.“
Und jedes Jahr ergebe sich das gleiche Bild: Nach zwei Tagen frage niemand mehr nach seinem Handy. „Für Erinnerungsfotos teilen wir kleine Digitalkameras aus. Am Ende werden die wieder eingesammelt, alle Fotos gesichert, damit jedes Kind und jeder Jugendliche einen Stick mit den gesammelten Urlaubserinnerungen mit nach Hause nehmen darf“, erklärt Pater Otto.
Für den Kontakt mit den Eltern hat er ein Postfach in Flensburg gemietet.
Dorthin können Eltern ihre Briefe richten, alle zwei Tage fährt jemand nach Flensburg, um die Post zu holen. „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie die jungen Leute um den Boten herumstehen und teils mit Tränen in den Augen Briefe ihrer Eltern entgegennehmen.“ Immer wieder hat auch Maik Herwig, Leiter der Vila Lampe, beobachtet, dass Kinder die Briefe ihrer Eltern auswendig lernen und unter Tränen sagen: „Meine Mama hat geschrieben, dass sie mich lieb hat und sich darauf freut, mich wiederzusehen.“
Genau so nimmt der Postbote Briefe der Kinder nach Hause mit nach Flensburg und gibt sie auf. Es sei ergreifend zu sehen, welche Mühe sich die jungen Leute geben, per Hand einen Brief an die Eltern und Geschwister zu verfassen. Aber sehr oft müssten die Betreuer erst einmal erklären, wie ein Briefkuvert beschriftet wird.
Dänische Gastfreundschaft trotz Sprachbarrieren ist ein Erlebnis
Das ist aber noch nicht alles. Die Kinder und Jugendlichen werden in Gruppen aufgeteilt, die sich jeweils ein kleines eigenes Lager auf dem Gelände bauen und gemeinsam die Aufgaben unter sich aufteilen, zum Beispiel wer Tischdienst hat oder abwaschen muss. „Sie müssen selbst aktiv werden, Verantwortung für sich und andere übernehmen“, erklärt Maik Herwig.
Das alles erfolge aber nicht unter Druck, sondern mehr oder weniger spielerisch. Jede Gruppe wählt aus ihrer Mitte einen Gruppensprecher, die jeden Abend zusammenkommen und besprechen, was welche Gruppe vorhat, damit die 20 erwachsenen Betreuer wissen, welche Fahrzeuge zur Verfügung gestellt werden müssen und alles koordinieren können.
Natürlich bleibt genügend Spaß und Freizeit, immerhin ist das Lager ja immer direkt am Strand, man muss nur die Steilküste hinunter gehen zum Baden oder um sich zu sonnen. Und die abendlichen Lagerfeuerrunden seien hochfrequentiert.
Ein Bestandteil des Lagers ist zum Beispiel, dass die jungen Leute auf sogenannte Hikes gehen. „Das kommt von den Pfadfindern und bedeutet, dass sich die jungen Leute auf einer Wanderung in der Umgebung selbst eine Übernachtungsmöglichkeit suchen müssen“, erklärt Herwig. In Dänemark sei es so, dass die Einwohner jeden Pfadfinder für eine Nacht bei sich aufnehmen. „Das ist ein ungeschriebenes Gesetz.“ Und die jungen Leute können mit Fug und Recht behaupten, dass sie aus dem Pfadfinderlager kommen. Sie erleben in Dänemark eine Gastfreundschaft trotz aller Sprachbarrieren, und so sind mitunter langjährige Freundschaften entstanden. Diese „Gasteltern“ werden auch immer zu einer Abschlussrunde und Feier am Ende des Urlaubes eingeladen. „Dieses Erlebnis bringt mehr als 20 Seminare gegen Ausländerfeindlichkeit“, sagt Maik Herwig. Jedes Jahr fahren um die 50 junge Leute mit, die Plätze sind heiß begehrt. Teilweise fahren heute die Kinder von denen mit, die vor vielen Jahren selbst im Dänemarklager waren. „Wir bieten eine Alternative zum Alltag, in der die Kinder und Jugendlichen Partizipation ganz konkret und in Reinkultur erleben“, so Pater Otto und Maik Herwig.
Dass die Villa dabei auf einem guten und einem richtigen Weg ist, zeige jedes Jahr die Zahl der Anmeldungen und Nachfragen nach einem freien Platz. „Und so etwas ist eigentlich nur möglich, wenn man wegfährt und nicht im Eichsfeld bleibt.“
Im Juli geht es also wieder mit voll besetzten Bussen nach Dänemark.
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