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Wie im Eichsfeld junge Leute digital abgeholt werden und Verantwortung übernehmen

Veröffentlicht am: 10. Januar 2026
Wie im Eichsfeld junge Leute digital abgeholt werden und Verantwortung übernehmen

Wie im Eichsfeld junge Leute digital abgeholt werden und Verantwortung übernehmen

Eichsfeld. Im Eichsfeld bringen innovative Jugendclubs junge Menschen digital zusammen und fördern Eigenverantwortung – was steckt hinter dem Erfolg?

Von Silvana Tismer, Leiterin Lokalredaktion - 10.01.2026

Jugend im ländlichen Raum: Das klingt zunächst nach tödlicher Langeweile. Dagegen steuern zahlreiche Vereine, aber auch Institutionen, indem sie in vielen Dörfern im Eichsfeld Jugendclubs betreiben.

Eine dieser Institutionen ist die Villa Lampe in Heiligenstadt. 31 Jugendclubs hat sie im Eichsfeld in ihrer Regie. Und sie werden auch gebraucht, sagt Pater Franz-Ulrich Otto, Geschäftsführer der Villa Lampe. Diese 31 Clubs sind im gesamten Eichsfeld verteilt. Dort geht es um offene Jugendarbeit, wie es im Fachjargon heißt. Die ist aber längst nicht so trocken, wie dieser Verwaltungsbegriff impliziert. Die Jugendlichen können sich dort beschäftigen, sind zum größten Teil selbst für die Clubs verantwortlich und haben einen festen Ansprechpartner, zu dem sie mit ihren Sorgen und Nöten jederzeit kommen können, außerhalb der eigenen Familie oder des Freundeskreises.

Jugendclubs kooperieren eng mit Schulen vor Ort

Dabei geht die Villa Lampe mitunter auch ganz neue Wege, passt sich dem Zeitgeist und den Bedürfnissen der Jugendlichen an. Maik Herwig, Leiter der Villa, nennt zum Beispiel das Hotspot-Modell. Drei Regionen stehen dafür als Beispiel. „Das sind einmal die Villa hier in Heiligenstadt selbst, der Club-D in Dingelstädt und der Jugendclub in Bischofferode“, zählt er auf. Wichtig ist es, dass alle drei in der Nähe von Schulen stehen. In Heiligenstadt liegt das Berggymnasium direkt vor der Tür, auch das Lingemann-Gymnasium ist nicht weit. In Dingelstädt und in Bischofferode sind die Clubs in unmittelbarer Nachbarschaft der Regelschulen angesiedelt.

Das heißt, die Kinder und Jugendlichen können direkt nach der Schule rüber in den Club gehen. Die Jugendclubbetreuer arbeiten eng mit den Schulsozialarbeitern zusammen. Sie können zum Beispiel auch am Vormittag Räume in den Schulen für Projekte nutzen oder in den Schulen direkt für ihre Projekte werben. „Und das hat sich bewährt“, sagt Maik Herwig.

Durch diese unmittelbare Nähe lernen die jungen Leute den Club direkt kennen, es entstehen Beziehungen und Verbindungen, die mit Geld nicht zu bezahlen seien. Mitunter bleiben Jugendliche so lange im Club, bis der letzte Bus fährt, den sie manchmal auch verpassen. „Dann kümmern wir uns darum, dass sie sicher nach Hause kommen.“ Und genauso oft kommt es vor, dass Jugendliche erst kurz nach Hause fahren und dann auf ihren Mopeds wieder den Jugendclub ansteuern.

Und es gebe noch einen weiteren Vorteil: „Gerade bei Unterrichtsausfall haben die jungen Leute direkt eine feste Anlaufstelle“, fügt Veit Lamprecht, stellvertretender Villa-Leiter, hinzu. „Und das lebt von der Bereitschaft der offenen Jugendarbeit, das aufzufangen und den jungen Leuten die Gelegenheit zu geben, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen. Sie könnten zum Beispiel schon mal mit den Hausaufgaben anfangen.“

„Wir machen da allerdings keinen Unterricht und auch keine Hausaufgabenhilfe“, ergänzt Maik Herwig. „Von unseren Jugendclubleitern gibt es höchstens eine wohlwollende Unterstützung.“ In Bischofferode, so hat er beobachtet, helfen oft die älteren Schüler den jüngeren bei den Hausaufgaben

In der Villa Lampe in Heiligenstadt sind sieben Tage die Woche, auch samstags und sonntags, immer etwa 30 bis 50 Jugendliche anwesend, und genauso ist es in Bischofferode und in Dingelstädt. „Da ist überall dick Betrieb. Die Kollegen, die für diese Clubs zuständig und verantwortlich sind, kommen zudem oft zusammen, sind stark vernetzt und tauschen sich rege aus“, so Veit Lamprecht.

Digitale Jugendtreffs bieten geschützte Räume für Austausch und Spiele

Daraus habe sich zum Beispiel ein digitaler Jugendtreff beziehungsweise digitales Streetworking entwickelt. Aber was heißt das? „Wie früher die Villa aufs Dorf gefahren ist, gehen die Betreuer und die Jugendlichen heute in Chaträume auf eigenen Servern“, erklärt Maik Herwig. „Dort können Sie sich austauschen, sich einklinken, haben eine geschützte Plattform und können dort auch geschützt spielen.“ Diese Idee komme aus der Spieleszene. Games wie Minecraft seien bei den Jugendlichen immer noch so im Kurs. „Aber bei uns kann man im geschützten Rahmen spielen, ohne Einflüsse von außen. Auch das ist digitale Jugendarbeit.“

Das laufe zum Beispiel im Club-D, wo Jugendliche aus den Ortschaften der ganzen Landgemeinde hinkommen, und auch in Bischofferode sowie in der Villa Lampe in Heiligenstadt sei es möglich. Das haben sich die drei Betreuer Philipp Senge aus Dingelstädt, Tobias Kroh im Bereich Wipperaue/Breitenworbis und Maximilian Henkel aus Bischofferode ausgedacht. Sie alle sind wieder für mehrere Jugendclubs in ihren Bereichen Ansprechpartner.

Natürlich gehe es dabei nicht nur ums Zocken, stellen Pater Otto, Maik Herwig und Veit Lamprecht klar. Die jungen Leute übernehmen sogar selbstständig Verantwortung, regeln Probleme, sie sind auch in der Lage, Konflikte untereinander ruhig zu lösen. „Und das alles ohne Politik oder Ideologie“, betont Veit Lamprecht. „Das hat bei uns keinen Platz, und auch die Jugendlichen haben keinen Bock darauf.“ „Darüber hinaus lernen sie auch Werte, wie man miteinander umgeht“, fügt Pater Otto hinzu. „Aber es wird keine Ideologie aufgedrückt. Das ist ein Weg, der Zukunft hat, aber weiter aufgebaut werden kann.“

Nach wie vor aber sei es die Präsenz, die Begegnungsmöglichkeit, die ausgesprochen wichtig sei. Corona habe für einen starken Rückgang in den Clubs gesorgt, viele Jugendliche sind sozusagen am Computer kleben geblieben. Und da sei es Gold wert, wenn sie sich begegnen und zusammen etwas unternehmen. „Aber das ist immer noch eine Steinbrucharbeit“, so Pater Otto. Aber man „wäre ja blöd, wenn man all diese Möglichkeiten nicht nutzen würde.“ Es hänge immer stark von den Menschen ab, die sich um die jungen Leute kümmern, ob Beziehungen zustande kommen, dass sich die jungen Leute wohl und verstanden fühlen.

TLZ - 10.01.2026 - https://www.tlz.de/lokales/eichsfeld/article410898079/wie-im-eichsfeld-junge-leute-digital-abgeholt-werden-und-verantwortung-uebernehmen.html